Der Bericht erschien laut ursprüngliche Fassung auch im Bridgemagazin 02/2002.
Die Vorbereitung
Unsere Vorbereitungen für die Weltmeisterschaften begannen
im Juli 2001. Der Verband hatte mich gefragt, ob ich die Damen als Coach
begleiten möchte. Da ich schon früher versucht hatte, dem Verband klar zu
machen, dass der Kapitän alleine zuwenig ist, und nur Professionalität
dauerhaft zum Erfolg führen kann, nahm ich diese für mich und für das deutsche
Damenteam neue Aufgabe gerne an. Da die Teammitglieder mit Ihren Wohnorten in
Deutschland, Dänemark und England doch etwas verstreut sind, beschlossen wir
frühzeitig Internet und Email zur Kommunikation zu nutzen. Am 5. August ging unsere Internetseite
online, die auch heute unter http://home.t-online.de/home/joerg-fritsche/bali/
noch zu finden ist. Fotos der Teammitglieder, ein Tagebuch von der
Vorbereitung, Live-Berichte aus Paris und Links zu anderen Bridge-Seiten. Und
einen geschützten Bereich, in dem wir Dateien mit Vorbereitungsmaterial
austauschen konnten. Eine kleine Anekdote hierzu: ein Teil dieser Unterlagen
stammt aus der Feder der amerikanischen Spielerin Karen McCallum, die mir
freundlicherweise Übersetzung und Verwendung gestattete mit den Worten „Wenn
wir gegen Deutschland verlieren sollten, kann ich wenigstens sagen, dass es
mein eigener Fehler war“. Nach unserem grandiosen Viertelfinalerfolg gegen ihr
Team USA I bat sie mich, ihren Teamkameradinnen nichts hiervon zu verraten.
Ende September gab es den großen Schock, als wegen der
politischen Lage die Weltmeisterschaft auf Bali abgesagt wurde. Im Nachhinein
denke ich zwar, dass auf Bali nichts passiert wäre, aber zum damaligen
Zeitpunkt hielten nicht nur wir, sondern auch viele andere Teams aus den
unterschiedlichsten Kulturen diese Entscheidung für sehr vernünftig.
Es war eine grandiose Leistung des Präsidenten des
Weltbridgeverbandes, Jose Damiani, und des französischen Bridgeverbandes in nur
4 Wochen diese Weltmeisterschaft in Paris auf die Beine zu stellen.
Am 20. und 21. Oktober trafen wir alle aus den
unterschiedlichsten Himmelsrichtungen in Paris ein und am 21. abends
präsentierten wir uns auf der Eröffnungsfeier erstmalig mir unserer neuen
Mannschaftskleidung. Nun, genaugenommen hatte es vorher eine ausführliche
Mannschaftssitzung auf einem der Zimmer gegeben, denn unsere
Marine-/Stewardessen-Uniformen sahen zwar edel aus, bei näherem Hinsehen (und
natürlich auch beim Tragen) bemerkte man deutliche Mängel und Unterschiede in
der Ausführung.
von links: Pony Nehmert, Barbara Hackett, Daniela von Arnim,
Katrin Farwig, Sabine Auken, Andrea Rauscheid, Jörg Fritsche.
Am nächsten Tag begann auch endlich das Bridge. Und zur
Betonung, dass Bridge auf dem Wege zum Sport ist, wurde nicht wie sonst in
einem Hotel gespielt, sondern in einem Fußball-Stadion. Das „Stade de France“
fasst 80.000 Zuschauer und war 1998 Austragungsort des
Fussball-Weltmeisterschafts-Finales. Heute wird dort meistens Rugby gespielt.
Aber keine Sorge, wir mussten uns nicht auf dem Rasen tummeln, sondern in sehr
schönen Spielsäälen unterhalb der Tribünen. Da der Weg vom Hotel zum Stadion
mit Pendelbussen bewältigt wurde und Paris nicht gerade für seine Verkehrsarmut
bekannt ist, begannen unsere Tage wesentlich früher als sonst und dauerten
dafür etwas länger. In der ersten Woche hatte ich als Coach jeden Tag einen
18-Stunden-Arbeitstag (aufstehen, Damen
wecken, Bulletins für alle besorgen, beim Frühstück Damen bei Laune halten,
alle pünktlich zum Bus scheuchen, die spielenden Damen auf die Gegnerinnen
vorbereiten, die nichtspielenden bei Laune halten, Wasser holen,
Kinderschokolade verteilen, Ergebnisse abgleichen und abgeben, Tisch zum
Abendessen besorgen, Damen bei Laune halten, Damen ins Bett schicken, Bericht
ins Internet stellen, Systeme der nächsten Gegnerinnen vorbereiten). Ein Teil
dieser Aufgaben ist natürlich Sache des Kapitäns, aber dieser konnte ja, wie
bereits berichtet, erst nach zähen Verhandlungen in der zweiten Woche zu uns
stoßen.
Vor dem Betreten des Stadions mussten wir uns alle einer
Leibesvisitation unterziehen und aus den Taschen alle spitzen Gegenstände wie
Büroklammern, Nagelfeilen usw. abgeben. Dies natürlich an jedem Tag und auch
jedes Mal, wenn man zwischendurch das Stadion für ein paar Minuten verließ.
Ich gab noch die Maxime aus, dass wir nicht unbedingt die
Vorrunde gewinnen müssen sondern irgendwo auf den ersten 8 Plätzen landen und
dann konnte es endlich losgehen.
In der 1. Runde starteten wir mit Farwig-Hackett und Auken-von
Arnim gegen Indien. Wir gewannen mit 101:20, was ein 25:0 und zunächst (erst-
und letztmalig) die Tabellenführung bedeutete. Über die Hände hülle ich den
Matel des Schweigens, unsere Paare mussten nicht besonders glänzen, sondern nur
die IMPs dankend annehmen, die die indischen Ladies auf dem Silbertablett
anboten. Aber ein Start nach Maß, und ich hoffte, dass er uns die nötige
Lockerheit für die Vorrunde geben würde.
In der 2. Runde verloren wir mit 13:17 gegen Frankreich. Nur
3 Swings, aber leider 2 für Frankreich und nur einer für uns. Zu diesem
Zeitpunkt hatten wir natürlich noch keine Ahnung was für dramatische Kämpfe
gegen Frankreich noch folgen werden.
In der 3. Runde gab es den 1. Dämpfer, als wir gegen
Südafrika mit 9:21 (8:38) verloren. 4 reizende alte Damen, die nichts
besonderes taten, aber auch keine Fehler machten. Wir leider schon !
In der 4. Runde kam mit USA II der dritte schwere Gegner in
Folge und wir mussten auch noch in den Viewgraph. Bei Halbzeit führten die
Amerikanerinnen bereits mit 65:13 und ein Debakel deutete sich an. Dann
beschlossen Auken – von Arnim aber sich zu wehren und legten mit folgender Hand
los:
Board 4/12
NS in Gefahr
Teiler W
WEST
NORD
K1052
D962
D105
D6
OST
3
AB1053
AB74
1083
SÜD
AB987
K87
3
AK52
D64
4
K9862
B974
Die Amerikanerinnen passten die West-Hand und erreichten
nach 1 Pik – 1 SA – 2 Treff – 2 Coeur – 4 Coeur das normale Vollspiel. Barbara
Hackett auf Nord spielte sehr schön Trumpf von der vierten Dame aus und hielt
die Alleinspielerin damit auf 11 Stiche, -450.
Im agressiven System von Auken-von Arnim ist die West-Hand
eine klare Eröffnung, und die Reizung entwickelte sich wie folgt:
West (von Arnim) Ost
(Auken)
1 Coeur –
1 Pik
2 Karo – 2 SA (gameforcing)
3 Treff (1543) – 3 Coeur
(schlemminteresse)
4 Coeur (nein danke) –
4 Pik (wirklich so schlecht ? Ich hab was in Pik)
5 Karo (na ja, ich hab was in Karo) – 6 Cœur
Reizen ist das eine, gewinnen muss man es natürlich dann
auch noch. Mildred Breed spielte subtil die Treff-6 aus, und man darf vom
timing her keinen Fehler machen: Treff-As, Pik-As, Pik-Schnapper. Karo-As,
Karo-Schnapper, Pik-Schnapper, Karo-Schnapper. Jetzt den Treff-König abgezogen,
noch ein Pik-Schnapper und noch ein Karo-Schnapper mit dem König (den Nord
schon vorschnappen musste). Klein-Treff vom Tisch, und Nord, der nur noch
Trümpfe hat, muss stechen und von seiner Coeur-Dame in die As-Bube-Gabel
spielen. –980, 11 IMPs für Deutschland und ein gewaltiger Applaus im Viewgraph
für das gelungene Abspiel.
Am Ende hatten wir doch noch aufgeholt und mussten uns nur
mit 80:87 geschlagen geben.
In Runde 5 gab es ein 14:16 gegen Israel. Natürlich auch ein
ernstzunehmender Gegner, gegen den man nicht zwingend gewinnt, aber langsam
brauchten wir mal wieder einen Sieg, nicht nur für die Tabelle, sondern auch
für die Moral. Diesen hatte ich eigentlich in der abschließenden Runde dieses
Tages gegen Indonesien fest eingeplant. 4 nette Mädchen mit sehr wenig
Erfahrung, die uns durchaus einige IMPs anboten. Da ja aber Indonesien
ursprünglich Gastgeber gewesen wäre und jetzt so weit nach Frankreich reisen
musste, wollten wir diese nicht so schädigen und trennten uns 15:15.
Am nächsten Tag folgte noch ein 13:17 gegen China und wir
waren zum ersten Mal nicht mehr auf einem der 8 Qualifikationsplätze, sondern
auf 9 zurückgefallen.
Mit Venezuela gab es jetzt einen Aufbaugegner, und wir
konnten die Chance auch nutzen. Gleich 17 IMPs scorten wir in
Board 8/18
NS in Gefahr
Teiler E
WEST
NORD
A6
AK108
KB103
K43
OST
DB98
976
865
852
SÜD
10742
D432
2
AB76
K53
B5
AD974
D109
Gegen Auken-von Arnim reizten die Gegnerinnen kurz und
erfolglos 1 Karo – 1 Coeur - 1 SA - 6 SA. Nach Pik-Dame-Ausspiel musste
irgendwann der Coeur-Schnitt gemacht werden, und als der nicht sass, war man
kurze Zeit später zwei down für –200.
Farwig-Hackett hatten das richtige System, um trotz des
schwachen SA, den die beiden spielen, ohne Probleme den Karo-Fit noch zu finden
und den richtigen Schlemm zu reizen:
Süd (Farwig) Nord
(Hackett)
1 SA (12-14) -
2 Treff
2 Karo -
2 Pik (Frage nach weiterer Verteilung)
3 Coeur (3253) -
4 Treff (cue-bid für Karo), kontra von Ost
pass (kein Treff-As) -
4 SA
5 Karo -
6 Karo
Nach Treff-Ausspiel wurden zügig 12 Stiche für +1370
geclaimt.
In der nächsten Runde gab es in einem der umsatzärmsten
Matche des Turniers ein 15:15 (18:20) gegen USA I und wir beendeten den 3. Tag
auf einem komfortablen 7. Platz.
Der nächste Morgen begann mit einer 7:23-Niederlage gegen
die Niederlande. Die Stimmung war auf dem Nullpunkt, und ich nahm von meiner
bisherigen Strategie (jeder spielt gleich viel) Abstand und beschloss, die
nächsten Runden mit den erfahrensten Paaren zu spielen und Farwig-Hackett, die
doch einige Unsicherheiten gezeigt hatten, pausieren zu lassen. Die nächsten
beiden Matches gewannen wir 23:7 gegen Brasilien und 18:12 gegen Italien und
hatten uns damit sogar wieder auf den 6. Platz vorgeschoben.
Der nächste Tag begann mit einem 21:9 gegen Australien, zu
dem folgende Hand nicht unerheblich beitrug:
Die doppelte 13
Board 13/13
Alle in Gefahr
Teiler N
WEST
NORD
52
AD10853
KB
A54
OST
AK83
KB762
2
K109
SÜD
D107
4
107543
DB83
B964
9
AD986
762
Auken-von Arnim reizten 1 Coeur – 1 Pik – 3 Coeur. In ihrem
Precision-System ist die Nord-Hand auf alle Fälle ein schönes Maximum, aber
Daniela auf Süd hatte keine Probleme zu passen. Dreimal nicht und –300, ein
Score den man nicht gerne sieht.
Die Reizung begann am anderen Tisch identisch, nur dass hier
die Nordspielerin im unlimitierten System Subminimum für ihr Gebot war (oder
anders ausgedrückt: die meisten Bridgespieler, die ich kenne, würden nur 2
Coeur reizen). Süd hatte auch Löwenfleisch gefressen und hob noch auf 4, worauf
Andrea Rauscheid mit ihrem kontra endlich auch etwas zur Reizung beitragen
konnte. Als der Rauch sich verzogen hatte, hatten wir 1400 eingesammelt, bzw.
15 IMPs.
In Runde 14 schlugen wir Kanada mit 20:10 und in Runde 15
Japan mit 18:12.
Am letzten Tag der Vorrunde warteten mit England und
Österreich noch zwei schwere Gegner auf uns. Gegen England verloren wir zwar
mit 13:17, hatten aber trotzdem noch 19 Punkte Vorsprung auf den undankbaren 9.
Platz, der die Heimreise bedeutet hätte. Somit hätte gegen Österreich auch eine
7:23 Niederlage noch gereicht. Meine Damen müssen mich falsch verstanden haben
und schlugen Österreich gleich mit 23:7, so dass wir die Vorrunde doch noch
komfortabel auf dem 5. Platz beendeten und in die KO-Kämpfe einzogen, über die
Herr Kemmer ja bereits ausführlich berichtet hat.
Die Butlerwertung nach dem Round Robin sah wie folgt aus:
-
Bessis –
d’Ovidio (F) 200 Boards +0.966 (IMPs pro Board) -
Auken –
von Arnim 300 Boards +0,777
.
.
.
-
Farwig
– Hackett 160 Boards -0,065 -
Nehmert – Rauscheid 220
Boards -0,110
Die Vorrunde war zäh, die KO-Kämpfe dramatisch und auf
höchstem Niveau und wir sind Weltmeister. Wie wir es geworden sind, ist nicht
so wichtig und alle Sorgen sind vergessen.
Ganz so ist es leider nicht. Es war am Anfang des Turniers
überhaupt nicht mein Plan, dass Auken – von Arnim mal wieder so gut wie
durchspielen (588 von 628 Boards) sondern ich wollte die Paare etwa gleichviel
spielen lassen, entweder zusammen Weltmeister werden (oder zumindest eine gute
Platzierung) oder gemeinsam ausscheiden. So fantastisch Rauscheid-Nehmert auch
in den KO-Runden gespielt haben, in der Vorrunde kamen die beiden genauso wenig
wie Farwig-Hackett in Schwung. Es gab immer wieder dumme, unnötige Fehler und
verschenkte IMPs. Die Butlerwertung bringt zum Ausdruck, dass Auken-von Arnim
auch in der Vorrunde gewohnt stark gespielt haben, und für diese Leistung waren
wir es ihnen einfach schuldig, die KO-Runde zu erreichen. Und dafür hätte es
wahrscheinlich nicht gereicht, wenn diese beiden mehr ausgesetzt hätten. Das
soll natürlich nicht heißen, dass die anderen beiden Paare in der Vorrunde nur
schlecht gespielt haben, aber hier müssen wir einfach ausgeglichener und damit
flexibler werden, um dauerhaft erfolgreich sein zu können. Ich denke, die
Verbesserung der Betreuung unserer Damen vor Ort und die Unterstützung unserer
heimischen Fans über das Medium Internet waren ein erster Schritt, und nun
müssen wir die Zeit zwischen den großen Meisterschaften intensiv nutzen, um ein
dauerhaft schlagkräftiges Team zu formen.